Der Weisheit letzter Schluss: Wie wahr ist die Wahrheit?

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Ein kommentierender Rückblick auf eine Woche Weltgeschehen – KW 31/22

  • Wann implodiert das Schulsystem?
  • Zählt ein Tod mehr als ein anderer?
  • Selbstbestimmte Bildungswege sind möglich

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges, egal, ob es sich um einen heißen oder einen kalten oder „bloß“ um einen Propagandakrieg handelt. Die Wahrheit ist auch eine Tochter der Zeit. Die eine Wahrheit existiert also nicht, sie ist das Resultat von Wahrnehmungen und die sind ja selbst dann, wenn man ein und dieselbe Situation betrachtet, grundverschieden. Diese Tatsache hat uns der österreichische Kommunikationsexperte Paul Watzlawick mit seinem Werk „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ eindrücklich vor Augen geführt.

Im Bildungssystem wird diese Tatsache, wenn überhaupt so höchstens unter „ferner liefen“ behandelt. In Zeiten des „dislozierten Unterrichts“ (Kinder durften auf Wunsch bzw. mussten aufgrund von Quarantänevorschriften dem Schulunterricht fernbleiben und zuhause lernen) als eine der Maßnahmen des Corona-Regimes, ist es vielen Eltern bewusst geworden, wie das österreichische Schulsystem tickt, u.a. welche Inhalte vermittelt werden, unter welchen Bedingungen schulisches Lernen erfolgt und wie Lehrende mit den Lernenden umgehen. Das war einer der Gründe, warum so manche Eltern entschieden haben, im abgelaufenen Schuljahr die verfassungsrechtlich garantierte Möglichkeit zu nutzen, ihren Nachwuchs zum häuslichen Unterricht anzumelden. Mit dieser Abmeldung von der Schule ist auch die Forderung nach einer Gleichwertigkeitsfeststellung in Form einer Externisten Prüfung verbunden. So sehen das zumindest die zuständigen Behörden. Und um den Eltern vor Augen zu führen, dass diese Aufgabe gar nicht so einfach ist, wurden mit einem Mal die Bedingungen für diese Leistungsfeststellungen verschärft. So durfte plötzlich die Prüfungsschule nicht mehr selbst gewählt werden, sondern den Externisten Schülern wurde eine Schule zugewiesen; auch die bis zum Vorjahr mit dieser Prüfungsschule zu vereinbarenden Stoffgebiete wurden auf Weisung der Bildungsdirektionen auf den gesamten Jahresstoff pro Fach ausgeweitet. Zudem wurden die Prüfungstermine auf nur wenige Tage im Juni beschränkt, was bei 8 bis 12 Fächern in der Mittelstufe den Stresspegel bis zum Unerträglichen steigerte. Zuletzt wurde auch die Frist für diese Abmeldung für das kommende Schuljahr vom letzten Tag des Schuljahres (also dem letzten Ferientag) auf den letzten Unterrichtstag vorverlegt, gleichzeitig gab der Bildungsminister bekannt, dass die Bedingungen, unter denen der Unterricht im Herbst stattfinden würde erst mit Ende August bekannt gegeben würden.

Auch der österreichische Staatsfunk, namentlich das Landesstudio Tirol, hat sich nun dieser Thematik angenommen. Unter dem Titel „Schulboykott: Wenn Heimunterricht versagt“ werden in tendenziöser Weise alle, die diesen Weg für ihre Kinder gewählt haben, gleich im Header als Menschen bezeichnet, die „ihr Kind auf eigene Faust … unterrichten, um die CoV-Schulmaßnahmen zu umgehen“. Es wird vor allem von den Schwierigkeiten geschrieben, in die junge Menschen dadurch gebracht werden, von einer weiteren Verschärfung der Regeln ist die Rede und auch von saftigen Strafen, die jenen drohen, die nicht zur nötigen Abschlussprüfung angetreten sind bzw. ihre Kinder „illegal“ von der Schule und den so wesentlichen sozialen Kontakten fernhalten. Gleichzeitig wird vor allem in Wien über den grassierenden Lehrermangel gejammert, die Zulassungsbedingungen für die Unterrichtsbefähigung werden ins Bodenlose nach unten geschraubt und auch das Lehramtsstudium soll wieder verkürzt werden, um genug Lehrende zu haben. Außerdem wird davon geredet, dass im Herbst rund 50.000 Schüler von aus der Ukraine geflohenen Familien in Österreichs Schulen einen Platz brauchen.

Es gäbe also intelligentere Lösungen als jene zu piesacken, die das Schulsystem entlasten, in dem sie ihre Kinder selbst durchs Schuljahr begleiten. Nun gut, Systeme und die für sie verantwortlichen Bürokraten gehen eben lieber so lange ihren Weg, bis sie das Ganze zerstört haben. Und dieses Schulsystem steht mehr oder weniger kurz vor der Implosion.

Trotz dieses „Fehlers im Schulsystem“ gibt es aufmerksame und sensible Beobachter des (Welt-)Geschehens. Diesen wird schnell bewusst, dass da, wo die eine Wahrheit beschworen wird, etwas nicht stimmen kann. In den letzten beiden Jahren hatten wir besonders intensiv die Möglichkeit, unseren Wahrheitskompass – man könnte ihn auch Hausverstand nennen – zu eichen. Ging es zuerst um ein neues Virus, von dem bis heute unklar ist, wie es tatsächlich in die Welt gelangt ist (auch hier existieren ja zumindest zwei „Wahrheiten“), wurden wir recht bald mit der Alternativlosigkeit von Maßnahmen konfrontiert, wie wir uns gegen diese Bedrohung erfolgreich zur Wehr setzen können. Die Historie der versprochenen Impfwirkungen ist dafür beredtes Beispiel. Sehr bald stellte sich dann wieder eine durch dieses Ereignis unterbrochene Debatte um den Klimawandel ein. Vor wenigen Monaten kam dann der Ukraine-Russland-Konflikt in eine heiße Phase, dem nun eine Menge an Auswirkungen – von den Preissteigerungen im Energie- und Lebensmittelsektor bis zu einem möglichen „kalten“ Winter – in die Schuhe geschoben werden können. Und dann gibt es – wie sich aktuell am Beispiel der tragisch verstorbenen oberösterreichischen Ärztin erkennen lässt – „Wahrheiten“ über Personen, die einfach mal so in die Welt gesetzt werden – und die wirken, egal, ob sie den Tatsachen entsprechen oder nicht.

Dieses „heiße“ Thema geistert seit kurzem durch die Medien, es wird von diesen, aber auch von einer wachsenden Zahl von Politikern von Tag zu Tag weiter hochgekocht. Nach dem mittlerweile auch von den Behörden bestätigten Freitod dieser in Oberösterreich bekannten Ärztin wird diese postum von verschiedenen Seiten instrumentalisiert. Die einen tun dies, um einmal mehr auf jene zu zeigen, die mit den immer noch laufenden und für den Herbst verschärft drohenden Coronamaßnahmen und einem eventuellen Impfzwang durch die Hintertüre nicht einverstanden sind. Mit dem Stehsatz, dass sie „monatelang von Impfgegnern“ bedroht wurde, werden alle impfkritischen Menschen mit in die Verantwortung für ihren Suizid genommen. Das Motiv für die Tat ist nicht bekannt, da die vorliegenden Abschiedsbriefe nicht veröffentlicht werden. Den bisher an die Öffentlichkeit gedrungenen Erkenntnissen der polizeilichen Ermittlungen zu Folge, gibt es mehrere Szenarien in Bezug auf die Bedrohungslage. Es handelt sich also bei den von dieser Seite nunmehr ins Spiel gebrachten Gründen ausschließlich um Spekulationen.

Differenzierter an dieses tragische Ereignis geht ein aktueller offener Brief an das Ereignis heran. Auf der anderen Seite sah sich die Partei MFG dazu veranlasst, in einer Stellungnahme „die Offenlegung der Abschiedsbriefe der Kollegin und mehr Informationen über die genauen Umstände ihres vorangegangenen Suizidversuchs“ zu fordern, „denn die Frau hatte offenbar schon lange psychische Probleme und war in ihrer Opferrolle gefangen.” Zudem wird verlangt, dass der Bundespräsident „bei den vielen Impftoten auch einen Kranz niederlegen möge und ein Fürsprecher jener Jugendlichen wird, die seit den vielen Lockdowns psychische Probleme haben und sogar suizidal sind und nun keinen Kassen-Platz für psychotherapeutische Versorgung erhalten. Und die Kerzerlprozession sollte auch dort hilfreich zur Stelle sein, wo Menschen durch die Corona-Maßnahmen alles verloren haben, wo Menschen mit schweren Erkrankungen nicht mehr behandelt wurden und Alte einsam im Spital und Heim sterben mussten.”

Auch in diesem Fall zeigt sich, wie man Ereignisse instrumentalisieren kann, um der eigenen „Wahrheit“ zum Durchbruch zu verhelfen.

„Es ist alles sehr kompliziert“, soll ein österreichischer Bundeskanzler gesagt haben. Damit hat er wohl die Komplexität von so genannten politischen Sachverhalten angesprochen und politischen Entscheidungsträgern eine differenzierten Sichtweise und wohl überlegte Entscheidungsfindung nahegelegt. Dies gilt aber nicht nur im Großen, sondern – wenn wir ehrlich sind – ganz bestimmt auch im Kleinen, also im Persönlichen.

Und so ist auch hier einmal mehr wieder jede und jeder gefordert, an den Schrauben der eigenen Persönlichkeit zu drehen und an seiner eigenen Weiterentwicklung zu einem ganzen Menschen zu arbeiten, der bereit ist, „Wahrheiten“ zu relativieren und seine eigene Sichtweise als eine Möglichkeit zu erkennen, der andere folgen können oder auch nicht. Der Respekt voreinander gebietet es zudem, Andersdenkende nicht abzukanzeln, sondern ihnen die eigene „Wahrheit“ entgegenzusetzen, durchaus klar und deutlich, aber niemals mit jener Überheblichkeit, sie absolut gepachtet zu haben.

Dem ganzen lässt sich unter anderem durch einen gelungenen Bildungsweg entgegenwirken, der in der Regel auf der Schulbank schwer einzuschlagen ist. Und da zeigen sich durchaus interessante, alternative bzw. komplementäre Möglichkeiten:

Im Zuge der Verschärfung der Bedingungen für den so genannten häuslichen Unterricht haben sich Eltern, Lernende und Lehrende zusammengeschlossen und zahlreiche Initiativen zur Unterstützung von selbstbestimmt Lernenden und deren Eltern ins Leben gerufen. Die hier in diesem Beitrag angeführten Gruppen sind nur Beispiel für eine stetig wachsende Zahl von gleichartigen Bewegungen, die sich mittlerweile auf ganz Österreich erstrecken.

Der Bildungsverband Pandora etwa „vertritt die gemeinsamen Interessen seiner Mitglieder (Vereine/Institutionen) und schafft einen eigenen Rahmen dafür. Die Idee und Vision ist es eine natürliche, kreative und nachhaltige Entwicklung im Bildungswesen zu fördern und zu erforschen.

Wenn junge Menschen individuell und vor allem intrinsisch motiviert und frei, Bildung mit Freude erleben dürfen, finden sie heraus, dass alles in ihnen selbst ist.

Von den dort Verantwortlichen wurde auch die so genannte Reifegrad-Reflektion entwickelt, die als Modell zu Gleichwertigkeitsfeststellung des häuslichen Unterrichts etabliert werden soll und heuer schon von etlichen Homeschooler-Familien in Anspruch genommen wurde.

Eine der schon „älteren“ Lerninitiativen bietet der Verein WINGS, der seit 2015 besteht mit seinem seit 2018 existierenden Online-Angebot für junge Menschen im Pflichtschulalter. Seit dem Vorjahr ist es auch möglich, im Rahmen der High-School eine Hochschulreife oder eine Studienberechtigung zu erlangen. Im Rahmen eines über die ganze Woche aufgeteilten Stundenplanes haben die Lernenden die Möglichkeit, sich Inhalte der jeweiligen Bildungsstufe mit Unterstützung von Lernbegleitern anzueignen. Präsenztreffen in der jeweiligen Region sowie bei den einmal im Monat stattfindenden Gemeinschaftswochenenden und den Camps am Anfang und am Ende jedes Schuljahres runden das Angebot ab.

Weitere Informationen zu Bildungsalternativen für den Schulbereich sind hier zu finden.

Und dann wurde da am vergangenen Freitag, 5.8.22 ein von Gunther Sosna ins Leben gerufenes Projekt namens „Akademie für Freiheit, Wissenstransfer und kritisches Denken“ erstmals der Öffentlichkeit präsentiert, deren Ziel es ist, einen selbstbestimmten Bildungsweg – diesmal für Erwachsene – zu ermöglichen. Dazu dann ein anderes Mal mehr!

Gerade in Zeiten wie diesen können wir also eine Menge lernen. Und – um nochmals auf den Fall jener Ärztin zu sprechen zu kommen: Den Sachverhalt so gut wie möglich aufzuklären, ist das eine, vor allem wenn es im öffentlichen Interesse liegt, die Ereignisse oder die Person zu instrumentalisieren, etwas anderes; nämlich ein No Go!

Beitragsbild: (C) Wolfgang Müller/Idealism Prevails, 2022, CC BY SA 4.0

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