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Was nützen uns alle die Informationen?

Diese Frage wurde vor einigen Wochen in der Plauderecke thematisiert. Am nächsten Tag kam mir die spontane Anwort; Wissen ist nur dann relevant, wenn es etwas mit meiner Lebensrealität zu tun hat, ich also einen direkten Bezug dazu habe. Dann hat Wissen für mich eine Bedeutung . Wenn ich mir also Wissen über beispielsweise essbare Wildpfanzen in meiner Umgebung aneigne, dann habe ich einen direkten Bezug dazu. Ich kann die Pflanzen mit alles Sinnen wahrnehmen, mir damit etwas gutes tun und mich unabhängiger machen. Gleichzeitig würde mir das Wissen über Pflanzen die in Südamerika wachsen nicht helfen; sie haben keinen Bezug zu meiner Lebensrealität. So ist Wissen, dass keinen Bezug zu meiner Lebensrealität hat und dass ich nicht anwenden kann, reine Zeitverschwendung und Ablenkung vom Wesentlichen. In der Schule bekommen wir „Wissen“ vermittelt, dass in der Regel keinen direkten Bezug zu meiner Lebensrealität hat und ich es somit auch nicht anwenden kann. Es verblast somit schnell wieder und man fragt sich Jahre später, wozu man eigentlich all die Jahre die Schulbank gedrückt hat.

Da Google sehr gut mithören kann, erschien mir letztens ein Interview mit Gerald Hüther im Focus, mit der Überschrift : „Wir informieren uns zu Tode“. Sein gesagtes ergänzt sich wunderbar zu dem Thema.
Er stellt ganz ähnliche Fragen, nämlich:
Was brauche ich eigentlich von all dem , was mir da alles an Informationen angeboten oder zugemutet wird? Und: Aus welchem Grund verbreite ich Informationen an andere? Was bringt mich dazu, anderen Menschen nahezulegen, was ich für wichtig halte und was sie machen sollen?

Hüther weiter:
„Mit der Einführung und massenhaften Nutzung digitaler Medien sind wir jetzt in eine Situation geraten, in der wir von lauter widersprüchlichen Nachrichten, Fake-News und Aufmerksamkeit erheischendem Unsinn überflutet werden.
Wir rennen herum wie aufgescheuchte Hühner und wissen nicht mehr, worauf es im Leben wirklich ankommt. Die damit einhergehende Verwirrung und Ohnmacht gefährdet nicht nur das Leben davon besonders betroffener und dafür besonders anfälliger Menschen, sondern nun auch zunehmend den Zusammenhalt und die Stabilität unserer Gesellschaft. Es klingt übertrieben, wird aber immer offensichtlicher: So, wie es gegenwärtig läuft, informieren wir uns zu Tode.“

Die Flut an Nachrichten, vor allem auch der Inhalt, die Brisanz und Negativität lässt einen oft tatsächlich ohnmächtig zurück. Was fang ich damit nun an? Was hat das nun mit mir zu tun? Kann ich jetzt einfach so weiter machen in meinem Alltag, während irgendwo auf der Welt etwas schlimmes passiert? Muss ich aktiv werden?
In der Regel werden die empfunden Eindrücke und Emotionen unterdrückt, nicht zugelassen. Wir stumpfen mit der Zeit ab und schaffen es auch nicht mehr sich auf die Wesentliche Dinge zurück zu besinnen. Man kann es wirklich genau so formulieren – wir werden überflutet, ja erschlagen von den täglichen Informationen und verlieren uns dabei völlig aus dem Blick. Ich weiß nicht mehr, wie es meiner Nachbarin geht, aber ich bekomme darüber berichtet, wenn der Chinesische Staatschef für ein paar Tage nicht in der Öffentlichkeit zu sehen war. Der Tod der Queen war wochenlang Thema. Wozu? Ist sie etwa meine Großmutter
Hüther:
[..]es nützt den Menschen auch nichts, über etwas Bescheid zu wissen, das sie nicht ändern können. Das ist krankmachend. Wir informieren uns über alle möglichen Geschehnisse und merken am Ende, dass wir ohnmächtig diesen Bildern ausgeliefert sind. Und deshalb helfen uns solche Informationen auch nicht. Wenn eine Information in mir nichts weiter als hilflose Aufregung erzeugt, weil ich ja nichts tun kann, um sie abzustellen, außer mein Mitgefühl zu unterdrücken oder die betreffende Nachricht an möglichst viele andere weiterzuleiten, so ist das sehr ungesund. Diese Informationsflut, in die wir hinein geraten sind, scheint eine Art Krankheit zu sein, die zwangsläufige Folge einer kognitiven Hypertrophie, in die wir seit der Aufklärung hineingeschlittert sind.

Dieses Phänomen finde ich besonders interessant, denn es findet sich wohl in jedem sozialen Netzwerk wieder. Jeder postet eine Nachricht oder irgendein Angebot, aber ein wirklicher Austausch darüber findet nicht statt. Stattdessen kommt man sich völlig überfordert vor, die dort geposteten Nachrichten nun auch noch zusätzlich zu den ganzen anderen Social Media zu lesen. Es entsteht nicht mehr als ein Überfliegen und danach ist der Kopf so zu, dass man nicht mal in den Austausch darüber gehen kann. Wir sind also viel zu sehr im Kopf unterwegs und vergessen dabei, dass unser Menschsein noch mehr beinhaltet als nur Informationen zu verarbeiten und zu teilen.

„Natürlich brauchen wir all diese kognitiven Kompetenzen, dazu gehört auch die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu bewerten und zu nutzen. Aber wir müssten sie mit einer anderen, ebenso wichtigen Kompetenz untrennbar verbinden, die wir seit der Aufklärung sträflich vernachlässigt haben. Ich nenne es gern unsere Berührbarkeit.
Wir müssten lernen, uns wieder in unserem Inneren berühren zu lassen. Wir müssten lernen, dass wir die Welt nicht ständig weiter in ihre Einzelteile zerlegen können, um sie dann für uns zu nutzen. Wir müssten unsere eigene Eingebundenheit in diese Welt nicht nur kognitiv verstehen, sondern sie auch wirklich selbst, am eigenen Leib erleben. Statt alles, was lebt für unsere Zwecke zu nutzen, müssten wir uns mit diesem Lebendigen, auch mit unserer eigenen Lebendigkeit, verbunden fühlen.“

Wenn die Menschen – salopp gesagt – wieder zu sich kommen, haben sie es auch nicht mehr nötig, andere ständig darüber zu informieren, was sie nun schon wieder an neuen Dingen zustande oder in Erfahrung gebracht haben. Und es gibt dann auch nicht mehr so viele, die sich ständig darüber informieren müssen, was irgendjemand irgendwo auf der Welt gesagt oder gemacht hat. Damit käme diese Informationsflut auf eine natürliche Art und Weise zum Stillstand.

Es wäre dann vielleicht wieder möglich in einen wirklichen Austausch zu kommen, zu fragen, was einen bewegt, wie man sich gegenseitig helfen kann. Den anderen Menschen wieder wahr-nehmen. Statt sich weiter in die Isolation der digitalen Welt zu verlieren, um seine Bedürfnisse zu stillen und von Dingen zu reden, von denen man im Grunde nichts weiß und zu denen man deswegen auch nichts sagen kann. Reden wir doch über uns, tauschen wir Erfahrungen miteinander aus. Darüber können wir nämlich wie kein anderer Reden. Dann kann ein interessanter Austausch zustande kommen. Vielleicht können sogar Projekte ins Leben gerufen werden und man entkommt der Ohnmacht. Es findet ein Prozess der Selbstermächtigung statt, wenn wir uns wieder um die Wesentlichen Dinge kümmern, das DU und ICH.

„Als Biologe und vor allem auch als Neurobiologe weiß ich ja, dass Signale überall in der Natur verwendet werden, um eine wichtige Botschaft von einem Lebewesen zum anderen oder von einer Zelle zur anderen zu senden.
Wenn diese Signale so inflationär verbreitet werden, wie es jetzt bei uns Menschen der Fall ist – keine Kommunikation mehr möglich ist. Es entsteht ein heilloses Durcheinander und geht zu wie auf einem Jahrmarkt, wo jeder Anbieter seine Angebote lauthals anpreist, die Besucher aufgeregt umherirren und dabei nicht mehr rechtzeitig bemerken, dass am Horizont ein gefährliches Gewitter aufzieht oder dass ihr Kind verloren gegangen ist.“

Diejenigen Bereiche, die unsere kognitiven Fähigkeiten steuern, müssten sich wieder intensiver und untrennbarer mit jenen Bereichen und Netzwerken verknüpfen, in denen unser Gefühl der Verbundenheit zu der gesamten Lebenswelt, in der wir uns bewegen, verankert ist. Unser Fühlen, Denken und Handeln wieder miteinander zu verbinden, statt es immer weiter voneinander abzutrennen, ist die Aufgabe unserer gegenwärtigen Zeit. So, wie wir jetzt unterwegs sind, laufen wir Gefahr, den uns in Bezug auf ihre „kognitiven“ Fähigkeiten in manchen Aspekten überlegenen digitalen Geräten, Automaten und Robotern immer ähnlicher zu werden. Weil die keine Bedürfnisse und keine Empfindungen haben, lassen sie sich auch von nichts berühren. Wenn sie nicht kaputt sind oder ihnen der Strom abgeschaltet wird, funktionieren sie immer so, wie sie sollen. Wenn wir uns nicht selbst zu solchen Automaten machen wollen, wird es höchste Zeit, all das in uns zu stärken, was uns lebendig und menschlich macht.

Und das hat nichts mit dem nackten Verstand zu tun, sondern das entspringt, wie es so schön heißt, „aus dem Herzen“.

Ein erster Versuch war die Idee, die Plauderecke zu beleben und einen regelmäßigen Austausch stattfinden zu lassen. Das ist immerhin ein erster Schritt, wieder in die Kommunikation zu kommen, sich untereinander auszutauschen, aneinander teilhaben zu lassen. Ein nächster Schritt wäre es, dass dann in die offline Welt zu übertragen. Das Natwork stellt so eine Schnittstelle dar, man lernt neue Menschen kennen, tauscht sich aus und kommt dann im besten Fall auch in der realen Welt zusammen. Das digitale kann hierbei durchaus ein Hilfswerkzeug sein, aber die globalen Herausforderungen zwingen uns quasi dazu wieder unser Menschsein zu entdecken und näher aneinander zusammen zu rücken.

 

https://www.focus.de/gesundheit/news/hirnforscher-gerald-huether-wir-informieren-uns-zu-tode_id_155231593.html

 

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