Die Möglichkeit einer Insel

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Ich sah letztens während der Halbzeitpause eines WM-Spieles eine Reportage über den Berliner Nachtclub Berghain. Die Reportage drehte sich im wesentlichen um das dort vorherrschende Drogenproblem, wie einfach es ist dort welche zu bekommen und dass es bereits zu einem Todesfall gekommen ist. Ich war nie ein Partygänger gewesen, ich habe den Reiz den scheinbar viele Menschen verspüren, in einen engen dunklen und ungesund lauten Raum stundenlang zu tanzen und dabei unmengen Alkohol und Drogen zu konsumieren, nie verstanden. Dennoch verfolgte ich die Reportage recht aufmerksam und bekam schließlich von einem langjährig dort arbeitenden Barkeeper die Antwort, woher der Reiz scheinbar stammt. Er empfand diese Club-Atmosphäre, also die Dunkelheit, der laute Bass ( als Pendant zum Herzschlag der Mutter), die Glücksgefühle, die man durch z.B. Ecstasy bekommt, gleichbedeutend wie im pränatalen Stadium, also wie das heranwachsende Baby im Leib der Mutter. Es ist also eine Sehnsucht, die dort befriedigt wird. Wieder dieses wohlige sichere und geborgene Gefühl zurück zu erlangen. Ähnliches hörte ich letztens auch über die Droge Heroin und warum es viele anscheinend schaffen alleine wieder von dieser Droge weg zukommen. Im Zustand des Rausches holen sie sich dieses Gefühl der Geborgenheit zurück, bis sie damit so aufgefüllt sind, dass sie die Droge nicht mehr brauchen.
Ähnlich verhält es sich mit anderen Süchten oder dem Konsumwahn der heutigen Zeit. Einige arbeiten 12-14 Stunden am Tag, andere kaufen sich jede Woche neue Klamotten und wieder andere verbringen ihre Zeit vor der Spielkonsole oder dem Internet. Es herrscht offensichtlich ein Mangel, eine Leere im Menschen, die kompensiert und aufgefüllt werden soll. Lange Zeit konnten die Religionen diese Leere auffangen, sie gaben dem Menschen eine Richtung, etwas woran sie sich festhalten konnten und sich eine Erlösung von dem menschlichen Leid erhofften. Vor dem Auftreten der Religionen war es vorallem die Natur, an der sich der Mensch orientiert hat und Halt fand. Doch wir sind in eine Phase der Menschheit eingetaucht, in der diese Dinge zunehmend an Bedeutung verloren haben und nur vereinzelnd und in gewissen Nischen der Kontakt zur Natur wieder auflebt. Wir haben es mit einer zunehmenden Vereinzelung und Isolierung zu tun; die Großfamilie als solche ist zerschlagen, die Kinder werden in die Kita gesteckt, wo sie zwischen 6-10 Stunden ihres Tages verbringen, die schulpflichtigen Kinder sind in einer Ganztagsschule untergebracht, die Alten werden ins Altersheim verfrachtet und der Erwerbsfähige Erwachsene darf trotz zunehmender Digitalisierung und Automatisierung, die vor vielen Jahren noch als Versprechung auf die Reduzierung der allgemeinen Arbeitszeit galt, immer länger arbeiten. Bei manchen sind es aufgrund der steigenden Lebenskosten sogar zwei Jobs und gerade nimmt die Dikussion um die Erhöhung des Rentenalters wieder an Fahrt auf.
Die Zahlen der depressiven und an Burn-out erkrankten Menschen nimmt stetig zu, die Psychosmomatischen Kliniken platzen aus allen Nähten und insbesondere zur Zeit der Lockdowns wurden auch immer mehr Kinder und Jugendliche psychiatrisch behandelt. Ich könnte ewig so weiter machen, festzuhalten ist jedoch, dass etwas ganz und gar nicht stimmt mit unserer Gesellschaft; wir sind entwurzelt, orientierungslos und ständig auf der Suche nach etwas dass diese Leere füllt, uns einen Sinn oder Aufgabe gibt. Gleichzeitig werden wir durch Medien und Politik in ständige Angst versetzt, die uns lähmen soll.
Unser autonomes Nervensystem ist im Grunde im Dauer-Alarm-Modus, und durch die Vereinzelung des Menschen fehlt es uns oftmals an einen Co-Regulator. Es fehlt uns das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Wärme.

Doch selbst wenn man den Mut aufbringt und seinen Job kündigt, sein Hab und Gut einlagert oder weggibt, um sich auf die Suche nach Antworten zu begeben, sich aus dem Hamsterrad befreit um eventuell woanders fernab der westlichen Welt sein Glück zu finden sucht, gibt es Menschen, wie in einen Rubikon Interview zu sehen, die das gar nicht können.

„Umgeben von Natur, Sonne und Meer stellt er fest: Er fühlt es nicht. Entgegen der Erwartung, in der Freiheit auf Reisen Erfüllung zu finden, geht es ihm elend.“ Er beschließt zurück nach Deutschland zu kehren ,“um sich erneut therapeutische Unterstützung zu holen. Diesmal aber mit dem Fokus auf Methoden die traumatische Kindheitserfahrungen und deren Auswirkungen auf sein Erwachsenenleben heil werden lassen können.“

Er spricht in dem Interview davon, dass gerade das Wegfallen seines Zuhauses, seiner Heimat, für ihn im Grunde purer Stress war, es hat ihm der „Schutzraum“ gefehlt. Auch hier wieder wie bereits oben beschrieben, das Fehlen von etwas, dass wir als Baby bestens kannten. Zusammen mit dem mehr an Zeit, dass er plötzlich hatte während seiner Reise, konnten seine Traumata an die Oberfläche kommen. Er beschreibt in diesem menschlich sehr schönen Interview https://www.rubikon.news/artikel/die-kraft-der-verletzlichkeit wie er durch die Therapie wieder mehr ins Fühlen kommt und seine Verletztlichkeit spüren kann und wie sich seine Wandlung auch auf sein direktes Umfeld auswirkt.
Wie können wir von jemanden erwarten, der stark traumatisiert ist ( und das sind wir alle!), dass er Nähe zulassen kann, dass er mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben kann, dass er in Lage ist eine Beziehung (freundschatlich oder partnerschaftlich) zu führen oder dass er überhaupt in der Lage ist mit mir zu sprechen, ein Gespräch zu führen, dass sich nicht nur um ihn selbst dreht, sondern dass eine tiefere, menschlichere und fühlendere Ebene erreicht? Es erscheint unmöglich. Und vielleicht ist es diese Erfahrung, die man oft macht, wenn man mit anderen Menschen zusammen kommt. Über Politik oder Fußball lässt sich noch reden, aber spätestens danach hört es auf. Es ist einfach für Viele viel zu schmerzhaft. Ich habe es bereits mehrfach erfahren, dass sich Menschen von mir zurück ziehen, weil sie merken, dass es zu schmerzhaft wird, sich mit sich selbst auseinander zu setzen oder sich gewisse Fragen zu stellen. Es ist nichts böswilliges oder bewusstes, es ist vielmehr ein Schutzmechanismus. Wir vermeiden Dinge die uns verletzen könnten. Ich erinnere mich da an ein Zitat von Michel Houellebecq :“In der Beziehung zu anderen, wird man sich über sich selbst klar. Genau das macht die Beziehung zu anderen unerträglich“.

Aber wir sind nun Mal aufeinander angewiesen. Der Mensch wird erst am Du zum Ich, wie Martin Buber bereits sagte. Wenn wir aus dieser Spirale aus Angst, Krieg und Elend gesamtgesellschaftlich heraus möchten, dürfen wir uns die Zeit nehmen um Mal genauer hinzusehen. Was befindet sich dort in meinem System an physischen und psychischen Verletzungen und wer kann mir dabei helfen, diese zu heilen. Ansonsten reproduzieren wir unser Erlebtes aus der Vergangenheit nur immer wieder und erzeugen nichts außer Leid.

Und wir brauchen wieder diese „Schutzräume“, einen Ort an dem man einfach Sein kann, einen Ort der Heilung, vergleichbar mit einer Art Sanatorium. Nur das es eben nicht den Charakter eines Krankenhauses oder einer Kureinrichtung hat. Sondern ein menschlicher, ein lebendiger Ort, mit viel Natur um einen herum, mit Tieren und sinnvollen ursprünglichen Aufgaben, wie Gartenarbeit, Handwerk, musizieren, am Feuer sitzen, die Nahrung selbst zubereiten und zu konservieren – und mit Ritualen und Bräuchen, die bereits unsere Naturvölker praktiziert haben. Also tatsächlich zurück zur Ursprünglichkeit.

Und ganz wichtig, wir brauchen wieder Menschen um uns. Aber eben Menschen die bereit sind, an ihren Traumata zu arbeiten. Ich denke dann hört auch das Konsumieren auf. Dann sind wir nicht mehr auf der ewigen Suche nach etwas, weil wir nämlich herausfinden, das bereits alles in uns ist. Ich muss dazu nicht erst den Himalaya besteigen, um diese Erkenntnis zu erlangen. Ich muss auch nicht mehr wie ein Irrer von Termin zu Termin hetzen, weil ich im ständigem Mangel lebe und mir konsequent gesagt wird, dass ich erst dieses oder jenes Seminar, erst diese Atemübung, erst dieses Produkt benötige, damit es mir besser geht.
An diesem Ort hat man dann auch wieder Zeit ein Gespräch zu führen und zwar eines bei dem man sich gegenseitig zuhört.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm schreibt :

“Zuhören ist eine Kunst wie das Verstehen von Poesie.” Zuhören hat für ihn wie jede andere Kunst ihre Regeln, die er aus seiner Arbeit als Psychoanalytiker ableitet. Man braucht: volle Konzentration, Fehlen von Angst, frei arbeitende Phantasie, die Fähigkeit zur Empathie, eine grundlegende Liebesfähigkeit und die Fähigkeit zum echten Verstehen. Zuhören ist dann kein Austausch von Informationen mehr, auch kein Schritt hin zu Urteil und Beurteilung, sondern ein Sich-Bereitstellen. Ein offenes Hier-Sein, frei von Erwartungen oder Ungeduld. Wir sind bereit zu erhalten, was das Gegenüber gibt.“ http://(https://ulrike-scheuermann.de/kunst-zuhoeren/

Und das Zuhören eine Kunst für sich ist, wusste auch Michael Ende, schrieb er schließlich das Buch „Momo“.

„Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: zuhören. Das ist nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Uns so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.“ https://www.tandemploy.com/de/new-work/wir-von-momo-ueber-das-leben-und-die-arbeit-lernen-koennen/

Ein wirklich wunderschönes Buch, wird dort doch im Grunde dasselbe thematisiert wie in diesem Beitrag hier. Es geht wie auch im Buch „Der kleine Prinz“ um die Suche und Bewahrung der Menschlichkeit.
Kurzum, was ich suche ist die Möglichkeit einer Insel, um in den Worten von Michel Houellebecq zu bleiben – einer Insel der Menschlichkeit.

 

 

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  • Ausgezeichnet ! Gratuliere zu diesem gehaltvollen Artikel, der den Zustand der heutigen westlichen Psyche exzellent beschreibt. Zu meiner Zeit in den 70’ern gab’s weder Clubs noch Ecstacy, aber den Rest schon. Ich war oft im Alknebel zugegen, allerdings, um eine Freundin zu finden und zu Ten Years After oder Pink Floyd die Seele aus dem Leib zu kotzen 😉 Uebrigens…ich hab da ’nen Song, der super dazu passt – mein Lieblingssong von ihm dazu – ich werde ihn gleich in die Pinnwand hauen – und dann auf YP Tacheles reinziehen.

      • Hallo Sascha

        Verstehe ich dich richtig, wenn ich annehme, daß du Menschen suchst, in deren Gegenwart, du dich selber sein kannst?

        Roger

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