Veganismus als Ideologie

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Darf der Mensch Tiere essen?

Einleiten möchte ich diese Frage mit einem Gedankenspiel, das Precht auch in seinem Buch „Wer bin ich und wenn ja, wie viele? anbringt. Es ist ein Gedankenspiel, welches auch mir vor einigen Jahren begegnet ist, als ich noch Otto Normal-Fleischesser war.

„Stellen Sie sich vor: Aliens überfallen die Erde. Sie sind uns Menschen körperlich und geistig weit überlegen. Sie nehmen uns gefangen, lassen uns für sie arbeiten und pumpen den frisch gewordenen Müttern die Milch ab, um daraus leckere Drinks zu machen. Unsere Kinder werden gemästet, geschlachtet und genüsslich verspeist. Der Mensch wird für medizinische Zwecke benutzt und aus ihnen werden Schuhe gefertigt. Kurz: Die Aliens machen mit uns, was wir mit Tieren tun. Ihr grausames Verhalten rechtfertigen sie damit, dass sie uns geistig überlegen sind und unser Menschenfleisch angeblich vorzüglich schmeckt. Sie sind eine höhere Spezies und damit dürfen sie alles mit dem Menschen machen“

Dieser Text soll kein Plädoyer für Veganismus werden, niemand soll bekehrt werden und schon gar nicht möchte ich mit dem Finger auf jemanden zeigen – das überlasse ich anderen Menschen. Ich möchte mich schlicht und einfach philosophisch dem Thema annähern und dabei auch viele verschiedene Betrachtungsweisen mit einfließen lassen. Warum ich diesen Text überhaupt schreibe? Nun zum einen philosophiere ich gerne vor mich hin, das Thema Ernährung liegt mir auch sehr nah, zum anderen wurde ich aber vor kurzem selbst damit konfrontiert und durfte danach feststellen, dass ich scheinbar auch in der „veganen Communitiy“ offensichtlich zu der Randgruppe zähle.
Es scheint heute in allen Bereichen so zu sein, wie in den letzten zweieinhalb Jahren deutlich wurde. Differenziertes betrachten? Fehlanzeige! Sich auf andere Sichtweisen einlassen? Nein!Dinge hinterfragen, womoglich sogar besänftigend und ausgleichend debattieren? Eher auch nicht. Es gibt nur noch schwarz oder weiß – entweder oder. Man wird vor die Wahl gestellt, möchte ich dazu gehören oder nehme ich es in Kauf meine eigene Meinung zu haben und damit anzuecken.

Mir wurde zum Verhängnis, dass ich die vegane Ernährung nur für mich alleine betreibe, niemanden damit auf die Eier gehe und Menschen nicht „veganisiere“ ( O-Ton meines Gesprächpartners). Ihr ist es nämlich noch nicht gelungen Menschen zu“ veganisieren“, sie zu bekehren. Ich habe es nie versucht und war immer eher locker bei dem Thema. Das kam gut an – ich war der nette Veganer, bei dem niemand gerade ein schlechtes Gewissen haben musste, wenn bei ihm Fleisch auf den Teller war. Bei Grillpartys habe ich sogar die Wurst auf dem Grill gewendet und habe damit bei einigen für Verwunderung gesorgt, aber wie ich glaube auch Nähe geschaffen. „Ah cool, mit dem kann man vielleicht darüber reden“.

Und nun bin ich also auf eine Hardlinerin getroffen. Für sie bin ich nicht konsequent! Veganismus bedeute sich voll und ganz für die Tiere einzusetzen, aktiver Tierrechtler zu sein, auf Demos und Informationsständen aktiv zu sein. Sich vegan zu ernähren, weil man es aus gesundheitlichen Gründen so entschieden hat, reicht nicht. Tiere haben keine eigene Stimme, können nicht auf sich aufmerksam machen und daher kann man es nicht so entspannt sehen wie ich. Schließlich kaufen viele der entspannten Veganer auch Honig, besitzen Lederschuhe und Klamotten aus Merinowolle. Damit würde man das Tierleid trotzdem fördern. Okay ich gebe zu, ich wurde auf frischer Tat ertappt. Ja ich kaufe Honig, besitze wunderbare Lederschuhe und auch Merinowolle befindet sich in meinem Kleiderschrank. Warum soll ich auf Lederschuhe verzichten? Ich trage meine seit mehr als 6 Jahren, es ist eine Top Qualität und ich bin ungern in Plastik eingepackt. Daraus besteht die Kleidung aber leider immer mehr, aus Plastik. Ich schätze einfach Qualität und das Gefühl natürlicher Stoffe an der Haut. Auch Honig hat für mich gesundheitliche Vorteile und ist mir daher lieber als irgendein künstlicher Sirup, nur weil er dann vegan ist.

Aber gut, nun saß ich da und machte mir Gedanken über meine Werte, ob man Fleisch essen darf und ob ich zu Nachsichtig mit den Fleischessern bin. Sind mir die Tiere also egal, geht es mir nur um meine gesundheitlichen Vorteile?
Was ich schnell feststellen durfte ist, mich stört dieses fanatische, dogmatische. Auf der einen Seite stehe ich mit meinem Veganismus und rette damit die Welt und auf der anderen Seite sind die Fleischesser. Das führt zur Trennung, zur Spaltung. Das erleben wir ja nicht nur in diesem Bereich. Es gibt nur noch schwarz oder weiß. Nichts mehr dazwischen. Und überhaupt das Wort „veganiseren“ rief in mir eine leichte Befremdung hervor. Das hört sich für mich wie eine Ideologie an.

Darf der Mensch also Fleisch essen? Für mich stellte sich beim Gedanken machen die Frage, wer legt das denn fest, ob der Mensch das darf, wer erlaubt es ihm bzw. kann es ihm überhaupt untersagen? Ist der Mensch nicht die Krone der Schöpfung und nur Gott steht über ihn? Aus religiöser Sicht müsste man also in die Bibel schauen, um sich der Frage zu nähern, was dem Mensch laut Gott erlaubt ist zu essen. Dies habe ich getan und so klar ist das da gar nicht. Es scheint so zu sein und wenn ich damit falsch liege, korrigiert mich bitte jemand, dass dem Menschen erst nach der Sintflut erlaubt wurde Fleisch zu essen. In der Entstehungsgeschichte ist nicht explizit erwähnt, was der Mensch essen soll, aber es steht sinngemäß drin, dass die Pflanzen für den Menschen sind. Im dritten(?) Buch Mose werden dann aber Tiere aufgezählt die der Mensch essen darf und welche nicht, da er sonst unrein wird. Jesus soll angeblich auch Fisch gegessen haben, somit ist nach der Bibel zu urteilen zumindest nicht gänzlich untersagt Fleisch zu essen, solange man sich an gewisse Regeln hält. Bei dem Moslems sind es zum Beispiel Schweine, die nicht gegessen werden dürfen und nur Tiere die halal sind. Für die Hindus sind wiederrum Kühe heilig. Es kommt also auch darauf an, welchem Gott man anbetet. Aber grundsätzlich scheinen wir den Segen zu haben. Was ist aber mit dem christlichen Wert der Nächstenliebe? Darf man so grausam wie heute mit Tieren umgehen? Und steht nicht auch in der Bibel du sollst nicht töten? Ist das nur auf Menschen bezogen oder auf alle Lebewesen? Ein Christ muss sich neben dem darf ich das überhaupt, auch die Frage stellen, ob es mit den christlichen Werten vertretbar ist. Das muss jeder für sich selbst beantworten, wie hoch er welchen Wert hängt.

Meine Überlegungen gingen danach weiter zu den Tieren selbst. Essen nicht auch Tiere Tiere? Es gibt Tiere die essen pflanzen und welche die essen Fleisch. Woher nimmt der Bär sich das Recht heraus Fische zu essen? Kann er sich diese Frage überhaupt stellen? Wer soll es ihm verbieten? Haben die Fische explizit gesagt, Nein wir wollen leben und nicht gegessen werden, ob vom Bären oder dem Menschen. Halten Fische Schilder in die Höhe? Was fühlen Tiere im allgemeinen? Sicher ist in jedem Fall, dass sie fühlen und Leid empfinden können.
Ich möchte behaupten, dass sich der Bär instinktiv verhält. Der Fisch schmeckt lecker, enthält viel Eiweiß und Fett und gibt dem Bären daher ausreichend Energie. Er denkt vermutlich nicht darüber nach wie der Fisch sich fühlt beim gefangen werden. Und auch unter den Tieren ist mir nicht bekannt, dass es dort versuche gibt die Fleischesser zu überzeugen auf pflanzliche Nahrung umzusteigen.
Ist es also ein reines Menschen Problem? Stellt sich der Mensch die Frage, weil er es einfach kann?
Der Mensch kann seinen Verstand benutzen, kann sein Handeln reflektieren, ist in der Lage Empathie zu empfinden ( auch einige Tiere sind dazu in der Lage) und das ganze aus vielen verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, samt die Wissenschaft mit einzubeziehen.
Da der Mensch dies alles kann, muss er sich damit beschäftigen ob es moralisch vertretbar ist Tiere zu quälen, sie einzusperren, ihren natürlichen Spieltrieb zu unterbinden, sie so mit Nahrung vollzustopfen, dass manch ein Huhn unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht und dann brutal zu töten.
Nein eigentlich muss er sich damit nicht beschäftigen, da er im Normalfall davon überhaupt nichts mitbekommt. Weder die engen Ställe, noch das unwürdige Leben oder das Töten und Schlachten muss der Endverbraucher miterleben oder selbst ausführen. Das ganze wird ausgelagert auf riesige Schlachhöfe und Massenbetriebe. Dort läuft alles uneinsehbar für den Verbraucher ab, vollautomatisiert und im Supermarkt ist es pfannenfertig aufbereitet zum mitnehmen bereit. Es klebt eine Menge Blut daran, ist aber eben nicht sichtbar und somit kann es ausgeblendet werden und muss nicht in die Entscheidungsfindung was ich heute esse mit einbezogen werden.
Ich möchte behaupten, müsste man sein Fleisch noch selber Jagen und töten, dann würde sich der Fleischkonsum wahrscheinlich um über 90 % verringern. Gibt nicht mehr viele, die mit Tieren aufgewachsen sind auf dem Lande und damit vertraut sind, weil es zum Leben auf dem Hof dazu gehört hat. Ich könnte es vermutlich auch nicht. In Notsituationen ist es etwas anderes. Da würde es dann um Leben oder Tot gehen und da greift der Überlebenstrieb.
Aber in unserer Wohlstandsgesellschaft, die bald wohl keine mehr ist, zumindest in Deutschland, ist man nicht darauf angewiesen, da alles fertig zum mitnehmen auf dem Silbertablett serviert wird. Das ist ähnlich mit der von Kindern genähten Kleidung oder der Ausbeutung von seltenen Erden und Metallen. Sieht man nicht, ist daher nicht in meinen Überlegungen mit drin.
Aber davon ist niemand frei, auch ich nicht. Wir haben es uns zu bequem gemacht. Und Moral und Werte spielen kaum mehr eine Rolle. Man könnte auch sagen die Menschlichkeit spielt keine Rolle mehr.

Die nächste Frage, die sich mir stellte, ist es notwendig Fleisch zu essen? Braucht der Mensch Fleisch zum überleben, kann er nur dieses verwerten? Oder geht es auch komplett ohne?
Notwendig ist es sicherlich nicht. Der Mensch kann sich auch rein pflanzlich ernähren. Es gibt viele Beispiele. Kommt es nicht zur Mangelernährung? Aus meiner Sicht nicht, solange ich mich ausreichend informiere, mich abwechslungsreich ernähre und mein Darm gesund ist. Letzteres ist bei immer weniger der Fall, weshalb supplementiert wird. Es geht nicht so sehr darum was der Mensch isst, sondern vielmehr darum welche Nährstoffe er über die Nahrung erhält. Es gibt meines Erachtens kein Vitamin oder Mineral, welches in Fleisch oder Fisch drin ist, welches nicht auch in pflanzlicher Kost zu finden ist. Vitamin B12 ist auch kein reines veganes Problem. Vitamin B12 wird schließlich dem Tierfutter beigefügt, weil Kühe heute nicht mehr natürlich grasen und somit weniger natürliche Mikroorganismen zu sich nehmen, die im Darm dann Vitamin B12 bilden. Der Darm ist grundsätzlich in der Lage Vitamin B12 zu bilden, dafür muss die Darmflora aber gesund sein und das ist sie bei den wenigsten. Antibiotika und Glyphosat gilt hier der Dank. Und auch der Mensch nimmt immer weniger Mikroorganismen zu sich. Immer weniger haben einen eigenen Garten, wo noch Erde an dem Gemüse ist. Im Supermarkt ist alles rein. Da lebt nicht mehr so viel drauf.
Aber auch Sauerteig oder fermentiertes Gemüse ist nicht mehr Standard in unserer Küche, wie es früher mal war. Somit fehlen uns dann die richtigen Mikroorganismen die für uns das Vitamin B12 bilden.
Neben den Vitaminen und Mineralstoffen, braucht der Körper Sonnenenergie in Form von Lichtnahrung. Also Nahrung die dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt war. Diese sind voll von Biophotonen und geben uns daher viel Energie. Das Industriefutter ist voll von zugesetzten Vitaminen, Konservierungstoffen, E-Nummern, Salz, einfachen Zucker, aber eben kaum bis kein Licht. Es heißt ja auch nicht ohne Grund Lebens-mittel. Aber das ist fast noch einmal ein Thema für sich.
Der Mensch kann Fleisch wunderbar verdauen und verwerten, es besitzt eine gute Bioverfügbarkeit, ist lange sättigend und gibt ebenfalls Energie. Der Mensch kann hier also tatsächlich frei wählen. Es ist nicht notwendig im Sinne von Überlebenswichtig, sondern es geht im Gegensatz zum Wasser, auch ganz gut ohne.

Fleisch zu essen ist aber oft eng verbunden mit Kultur und Tradition. Ebenso wie Regionalität und Verfügbarkeit eine Rolle spielen. Für mich ist dieses Thema also sehr komplex und das wollte ich in diesem Gespräch mit oben erwähnten Gesprächspartner deutlich machen und hervorheben.
Sich vegan zu ernähren ist eben auch kein Garant für eine gesunde Ernährungsweise. Man kann sich auch sehr ungesund vegan ernähren. Weißmehl, Limonaden oder vegane Fleischalternativen sind nicht mein Verständnis von einer abwechslungreichen und gesunden Ernährung.
Viel lieber möchte ich mich also über eine gesunde Ernährungsweise unterhalten, anstatt mich in der Debatte zu verlieren, ob nun Fleisch oder vegan besser ist.
Zudem finden wir uns gerade in einer Entwicklung wieder, in der die veganen Produkte in den Supermärkten aus dem Boden sprießen, es Landwirten und Bauern immer schwieriger gestaltet wird Tiere zu halten, geschweige denn überhaupt einen Betrieb zu führen und uns eine Agenda übergestülpt wird, in der Fleisch essen gleich zur Klimadiskussion führt und man medial und politisch zu gewissen Verhaltensweisen (zwangs)-erzogen wird. Das hat dann nichts mehr mit Freiheit zu tun. Bei dieser (veganen) Ideologie mache ich nicht mit.

Ich werde immer stärker zum Anhänger von Kultur und Tradition. Aber eher im Bezug auf eine Rückbesinnung im Einklang mit der Natur zu leben. Die Bräuche, Feste und Rituale der alten Naturvölker sind eine Orientierung und Ausrichtung und diese geht heute immer mehr verloren. Der Mensch wird entwurzelt, verliert seine Identität und ohne diese ist er orientierungslos und beeinflussbar.
Von daher kann ich also verstehen, wenn Menschen auf ihre traditionellen Gerichte nicht verzichten möchten. Es ist wie immer eine Frage des rechten Maßes. Und alles was wir in unserer kapitalistischen Gesellschaft vorfinden, hat dieses rechte Maß verloren, sei es die Tierhaltung, die Umweltverschmutzung, die Schere zwischen Arm und Reich, Ausbeutung oder Konsum im allgemeinen. Und nein mir ist das Tierleid nicht egal, mir ist nur aufgefallen, dass ich ein Großstadtkind bin und keinen Bezug zu Tieren habe, weil ich nicht mit ihnen aufgewachsen bin. Vielleicht bin ich daher nicht mit so viel Engagement dabei und klebe mich nicht auf die Straße. Mir ist das Leid der Tiere aber bewusst und daher unterstütze ich dieses System nicht weiter. Trotzdem möchte ich aber zumindest die Wahl haben, ob ich es nun tue oder nicht und ich möchte es für mich jeden Tag neu entscheiden. Unbeeinflusst von Medien und Politik oder irgendwelchen Eliten und Ideologien.
Denn:
„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will“ Jean-Jacques Rousseau

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